Eine einstige Liebe
Ich saß beim Frühstück und weinte. Auf dieser Insel im Indischen Ozean müssen alle die Nachrichten gesehen haben: Notre Dame war ein Opfer der Flammen geworden. Doch ich war der einzige, der heulte wie ein kleines Kind. Es war mein ganz persönliches 9/11.
Vierzig Jahre davor war ich erstmals in Notre Dame zu Paris gewesen. Es war ein Erweckungserlebnis: Goethe hatte die Gotik in Notre Dame zu Strassburg erfahren, bei mir war es eben Paris. Danach war alles anders. Etwas war mir verständlich geworden und hat mich nie mehr verlassen.
In Paris war ein Besuch von Notre Dame dann Teil meines Berufs, und auch privat besuchte ich die Kirche Unserer lieben Frau gern und immer wieder, bevorzugt früh am Morgen.
Disney hat sie mir dann genommen - nach der Zeichentrick-Verfilmung von Victor Hugos Glöckner war der Besuch nur noch in einer langen Menschenkette möglich, das Mystische war vergangen. Ich betrachtete sie nur noch aus der Ferne. Jemand hatte sie einmal mit der Sphinx vergleichen, diese Ikone von Paris, und das trifft es ganz gut.
Oft hörte ich von Besuchern, dass "wir" so etwas heute nicht mehr könnten. Ich widersprach stets nur leise, ganz unberechtigt war der Hinweis ja nicht. Die das gebaut hatten, hatten Zeit und einen Glauben, der mit keinem vergleichbar ist, den wir vielleicht manchmal noch haben.
Ich habe die jüngste Renovierung von Chartres erlebt: auch danach war etwas nicht mehr da. Mit der Patina war etwas verlorengegangen, so kunsthistorisch perfekt die Renovierung auch gelungen war. Davor war man in diesen dunklen Raum getreten, die Augen hatten sich nur langsam an das fehlende Licht gewöhnt. Dann sah man die Fenster, und das Wunder war Wirklichkeit geworden, jedes Mal aufs Neue, immer und immer wieder. Nun ist der Raum hell, strahlend weiß, wie er wohl ausgesehen hat, als vor achthundert Jahren das Werk entstanden war.
Genauso geht es mir nun mit Paris. Und in den nächsten zwanzig Jahren wird man ohne Time-Slot ohnedies nicht hinein können. Auch wegen der Feier zur Wiedereröffnung, und die war unvergesslich.
Hier einige Ausschnitte der grandiosen Feier, mit der Frankreich seine Mutterkirche und sich selbst feierte, wie es wirklich nur Franzosen können:
Pharrell Williams mit einem Gospelchor:
https://x.com/FranceTV/status/1865514478223147411
Bachs AirSuite Nr. 3:
https://x.com/FranceTV/status/1865505295322984834
Beethovens Fünfte:
https://x.com/FranceTV/status/1865521349172531275
Marion Cotillard und der Violoncellist Yo-Yo Ma mit « Le Pont » von Victor Hugo:
https://x.com/FranceTV/status/1865503972989034707
“Amazing Grace” von Pretty Yende:
https://x.com/JessicaLedezmaM/status/1865495372627358117
19 Monate Wiederaufbau in 90 Sekunden:
https://x.com/MariosKaratzias/status/1865356325409964168